Wasserwirtschaftsamt
Traunstein

Verlandung des Chiemsee

Informationen über die abschließenden Ergebnisse der Rahmenuntersuchung Chiemsee

Das Delta der Tirloer Achen
+ Das Delta der Tiroler Achen

Kann die Verlandung des Chiemsees gestoppt oder zumindest merklich reduziert werden? Mit einem Vergleich aus der Medizin lässt sich die Situation recht gut beschreiben: Es gibt keine Therapie für das ewige Leben – nicht für ein Menschenleben und auch nicht für den Chiemsee. Trotzdem wird zukünftig versucht, wo möglich und sinnvoll, die negativen Auswirkungen der Verlandung zu minimieren, um das Leben des Chiemsees zu verlängern.

Ursache der Verlandung

Jährlicher Feststoffeintrag der Tiroler Achen in den Chiemsee
+ Jährlicher Feststoffeintrag der Tiroler Achen in den Chiemsee

Hauptursache der Verlandung ist nicht wie vielfach angenommen der Kies, der in der Gewässersohle transportiert wird, sondern die Schwebstoffe, die in erster Linie über die Tiroler Achen in den Chiemsee gelangen. Sie kommen überwiegend aus Tirol, aus dem Raum Kitzbühel. Schwebstoffe sind feinkörnige Mineralien wie Tone und Sande, die mit dem Wasser transportiert werden – man könnte auch salopp „braune Brühe“ dazu sagen. Im Beobachtungszeitraum von 1926 bis 2000 schwankten die Jahresmengen der Schwebstoffe dabei von wenigen Tausend Kubikmetern bis hin zu 450.000 Kubikmetern. Pro Jahr sind das im Schnitt ca. 170.000 Kubikmeter. Einzelne Hochwässer können bis zu 185.000 Kubikmeter in den See transportieren.

Anlass und Ziel

Hirschauer Bucht
+ Hirschauer Bucht

1996 hat der damalige Umweltminister Dr. Goppel die Rahmenuntersuchung Chiemsee, Tiroler Achen und weitere Zuflüsse ins Leben gerufen. Anlass war die schnell fortschreitende Verlandung der Hirschauer Bucht und die dadurch entstandenen Bedenken und Ängste in der Bevölkerung.

Ziel der Untersuchungen war es, den Verlandungsprozess im Chiemsee und dessen Ursachen zu erforschen. Die Grundlagen, die Einflussfaktoren und Wirkmechanismen der Verlandung wurden dabei analysiert. Maßnahmen zur Begrenzung der negativen Auswirkungen wurden geprüft und sollen, wenn möglich, nun umgesetzt werden. Eine Arbeitsgruppe aus Österreich und Deutschland unter Federführung des Wasserwirtschaftsamtes Traunstein koordinierte und steuerte diese Untersuchungen.

Rückblick - nach der letzten Eiszeit

Eiszeitkarte
+ Eiszeitkarte

Nach der letzten Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren bedeckten große Seen das heutige Alpenvorland. In dieser idealisierten Abbildung ist von rechts der Salzburger See, der Chiemsee und der Rosenheimer See zu erkennen. Von diesen Seen ist bekanntlich nur noch der Chiemsee vorhanden. Der Rosenheimer See und der Salzburger See sind bereits verlandet. Links am Bildrand sind der Ammer- und Starnberger See ersichtlich.

Urchiemsee
+ Vergleich des Urchiemsees mit Heute

Untersuchungen

Drei Bereiche wurden im Zuge der Rahmenuntersuchung Chiemsee genauer unter die Lupe genommen:

1. Einzugsgebiet des Chiemsee

Bei dieser Untersuchung wurde die gesamte Geologie des Einzugsgebiets der Tiroler Achen betrachtet. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden bei den österreichischen Kollegen in ihrer Planung und in ihren Baumaßnahmen in der Wildbach- und Lawinenverbauung berücksichtigt. Die Untersuchungen zeigten, dass es südlich von St. Johann im Raum Kitzbühel sehr labile und erosionsanfällige Gesteine, die sog. Grauwackenzone, gibt. Dort kommen bis zu 80 % der Schwebstoffe her.

Ohne Zwischenlagerung gelangen diese in den Chiemsee. Die Charakteristik des Einzugsgebietes des Chiemsees ist in dieser Hinsicht mit keinem See am Alpennordrand vergleichbar.

Mit der Sprengung des Entenlochs wurde der Hochwasserschutz der Gemeinde Kössen realisiert. Für den Chiemsee ging jedoch ein großer Rückhalteraum für Schwebstoffe verloren.

Entenloch vor und nach der Sprengung
+Das Entenloch vor und nach der Sprengung

Maßnahmen im Einzugsgebiet zur Reduzierung der Schwebstoffe sind dort denkbar, wo die gesamtgeologische Formation in sich stabil ist. In diesen Gebieten sind Einbauten, z.B. Sohlstabilisierungsmaßnahmen oder eine Sicherung von Hängen, über einen längeren und damit sinnvollen Zeitraum möglich.

Alt-Text
+Ingeneurbiologische Verbauung von Erosionshängen mit Faschinen

2. Verlandung des Chiemsee

Die zweite Untersuchung befasste sich mit dem Verlandungsprozess im Chiemsee selbst. Dieser Forschungsauftrag wurde von der TUM bearbeitet. Bei der Ermittlung der Verteilung der Schwebstoffe im See wurden über den Seeboden verteilt Schwebstofffallen installiert. Daraus wurde deutlich erkennbar, dass eine stärkere Verlandung in den östlichen Buchten auftritt.

Vermessungen 1999 der Ufer im Deltabereich zeigen ferner eine deutliche Hauptströmung Richtung Nordost. Der Seeboden ist hier bereits in einer Tiefe von 5 - 15 m. Vergleicht man die Neuvermessung mit früheren Messungen ist zu erkennen, dass sich das Delta bis zu 25 m pro Jahr in den See vorschiebt. In erster Linie wird dieser Vorschub durch Sande die die Tiroler Achen mit sich bringt verursacht.

Luftbild vom Chiemseedelta
+Schwebstoffe sind als helle Fahnen im See zu erkennen. Deutlisch sieht man die Rotation entgegen dem Uhrzeigersinn

Pollenanalysen bei Bohrkernen vom Seeboden ergaben Aufschlüsse über die Verlandung von der Eiszeit bis heute. Dabei ist zu erkennen, dass die Verlandung mit der ersten Besiedelung des Einzugsgebiets durch den Menschen anstieg.

Durch Radioaktivitätsmessungen an den Bohrkernen lässt sich die Verlandung der letzten 50 Jahre erkennen. Dabei wurden Verlandungshöhen von wenigen Zentimetern im Weitsee oder in den nordwestlichen Buchten bis zu 3 m nahe am Delta ermittelt.

Zusätzlich wurde eine mikroskopische Untersuchung der Ablagerungen im Chiemsee zur Rekonstruktion der Trophieveränderung in den letzten Jahrzehnten erstellt: Das Gedächtnis des Chiemsees

3. Schwebestoffrückhalt im Bayerischen Einzugsgebiet

Die dritte Untersuchung klärte die Frage, in wie weit Schwebstoffe im bayerischen Einzugsgebiet zurückgehalten werden können. Dazu wären große Rückhalteflächen bzw. -becken nötig, in denen sich die Schwebstoffe absetzen können. Eine solche potentielle Fläche befindet sich z.B. zwischen Staudach und dem Chiemsee östlich der Tiroler Achen.

Berechnungen ergaben jedoch, dass dieser Raum aus technischen Gründen nicht zum Schwebstoffrückhalt herangezogen werden kann. Weitere Rückhalteflächen stehen im bayerischen Einzugsgebiet des Chiemsees für einen wirkungsvollen Schwebstoffrückhalt aufgrund der Enge des Achentals, der dichten Besiedelung und der intensive Landwirtschaft derzeit nur sehr begrenzt zur Verfügung.

Fazit

Das Wasserwirtschaftsamt Traunstein wird nun und in den kommenden Jahren Maßnahmen realisieren, die die negativen Auswirkungen der Verlandung mildern. Fest steht, eine Patenlösung gegen die Verlandung des Chiemsees gibt es nicht. Vielmehr wird es auch in Zukunft darum gehen, auf einem "Weg der kleinen Schritte" der weiteren Verlandung tendenziell entgegenzuwirken.